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Das Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) – Orchidee des Jahres 2013
Seit dem Jahre 1989 stellen die Arbeitskreise Heimischer Orchideen (AHO) in Deutschland der Öffentlichkeit eine „Orchidee des Jahres“ vor. Sie lassen sich von dem Wunsch leiten, mit dem Vorstellen einzelner Orchideenarten der heimischen Flora und deren Gefährdung aus der Sicht der AHO einen Beitrag zu den Problemen des Florenschutzes leisten zu wollen und die Bürger unseres Landes für den Schutz und die Erhaltung gefährdeter Lebensräume zu sensibilisieren, in denen die einheimischen Orchideen wachsen und gedeihen. Andererseits soll aber auch auf die Aktivitäten der Arbeitskreise aufmerksam gemacht werden, die sich die Erforschung, den Schutz und die Erhaltung dieser Pflanzenfamilie zu ihren Aufgaben gemacht haben.
Alljährlich im Herbst treffen sich die Vorstände der Arbeitskreise, zu denen auch Adolf Riechelmann aus Kersbach als Vorsitzender des AHO Nordbayern gehört, und proklamieren die Orchidee des Jahres. Viele heimische Orchideen sind eher unscheinbar und werden von Unkundigen leicht übersehen. Auf das Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) trifft dies nicht zu. Diese prächtige und attraktive Pflanze gehört zu den größten und auffälligsten unserer Orchideen; sie wird bis zu 80 cm hoch. Mit ihrer Schönheit geht sie jedoch nicht hausieren. Lieber steht sie an ihren Standorten etwas versteckt in lichten Wäldern oder geschützt zwischen Buschwerk.

Das Purpur-Knabenkraut weist morphologische Ähnlichkeiten zum nah verwandten Helm-Knabenkraut auf, doch lassen sich seine Blüten trotz ihrer variablen Gestalt und Färbung gut unterscheiden. Diese zeigen eine weit ausgestreckte, ebene Lippenfläche, die die Einzelblüten wie kleine Dachziegel wirken lässt. Sie ist weißlich bis rosa gefärbt und hat winzige purpurrote Haarbüschelchen, die ein Punktmuster bilden. Die Anordnung dieser Muster ist bei jeder Blüte anders, ähnlich wie bei den menschlichen Fingerabdrücken.

In der Fränkischen Schweiz gibt es noch einige Wuchsorte, wo sich das Purpur-Knabenkraut richtig wohl zu fühlen scheint, so zum Beispiel bei Bammersdorf, am Hetzles und bei Urspring. Wie bei den anderen Orchideen mediterranen Ursprungs hängt die Ausprägung der Pflanzen stark von der Frühjahrswitterung ab. Auch die Blütezeit, die zwischen Ende April und Ende Mai liegen kann, verdeutlicht die Abhängigkeit von den Temperaturen und der Feuchtigkeit des Frühjahres. Die auffällige und im freien Gelände weithin sichtbare Blütenähre wurde und wird dieser Art allerdings nicht selten zum Verhängnis, da sie von unbelehrbaren Mitmenschen ausgegraben wird, um sie im eigenen Garten zu kultivieren. Dieses von krassem Egoismus geprägte und im Hinblick auf die Arterhaltung völlig verantwortungslose Handeln verstößt indes nicht nur gegen Gesetze (alle heimischen Orchideenarten stehen unter Schutz, bei Verstößen drohen drastische Strafen), sondern ist auch noch völlig sinnlos, denn im Garten werden die meisten Orchideen schon bald zu Grunde gehen, weil sie dort nicht die ihnen zusagenden Lebensbedingungen vorfinden.


Woher hat nun das Purpur-Knabenkraut seinen Namen? In der griechischen Mythologie war Orchis der Sohn einer Nymphe und eines Satyrs. Nachdem er getötet wurde, verwandelten ihn Gebete seines Vaters in eine Pflanze, die nach ihm benannt wurde. Die ältesten Nachweise für den Pflanzennamen Orchis finden sich beim griechischen Philosophen THEOPHRAST (ca. 371-287 v. Chr.), einem Schüler der Philosophen PLATO und ARISTOTELES, der mit dem Namen auf die hodenähnliche Gestalt der Wurzelknollen anspielt. Er begründete auch den Volksglauben, dass eine Frau, die die jüngere, saftige Knolle isst, einen Sohn zur Welt bringt. Daher rührt auch der Name Knabenkraut. Da eine dieser Knollen welk und schlaff ist – von dieser zehrt die gegenwärtige Pflanze – die andere aber straff und voll – sie speichert die Baustoffe für die nächstjährige Pflanze, schloss man auf ungleiche Kräfte der unterschiedlichen Knollen. So sollte der Genuss der Kräftigen die Liebe entfachen, der der Schwächeren sie aufheben. Den Glauben an diese aphrodisierende Wirkung teilten auch die späteren Naturforscher des klassischen Altertums, z.B. die Ärzte DIOSKORIDES (um 50 n.Chr.) und GALENOS (131 - 201 n.Chr.) sowie der große Enzyklopädist PLINIUS der Ältere (23 - 79 n.Chr.).

Der deutsche Name Knabenkraut hat sich durchgesetzt. Die größte mitteleuropäische Orchideengattung besitzt eine stattliche Anzahl von Volksnamen, wobei hier nur die wichtigsten genannt werden sollen. Pfaffenhödlein, Pfaffenblume, Narrenhoden, Klein Bockshödlein, Hundshödlein, Hodensäckchen und Bubenkraut.

Der lateinische Artname purpurea bedeutet in der Übersetzung „purpurfarben“ und weist auf die Farbe der Blüten hin. (Adolf Riechelmann)