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Die Kleine Spinnen-Ragwurz (Ophrys araneola) – neu für die Fränkische Schweiz!
Von kaum einer Pflanzengruppe können Menschen so fasziniert werden wie von Orchideen. Das gilt nicht nur für die Blütenpracht ferner tropischer Urwälder, von der es ein winziger Ausschnitt über Blumengeschäfte und Baumärkte bis in unsere Wohnzimmer geschafft hat, sondern auch für die teils prächtigen, teils unscheinbaren Orchideen unserer Heimat. Viele Mitbürger sind sehr erstaunt zu erfahren, dass auch bei uns, manchmal sogar unweit ihrer eigenen Haustür, Orchideen wachsen und gedeihen.
Auf den ersten Blick ist erstaunlich, dass die Nördliche Frankenalb mit 39 Orchideen-Arten bzw. -Unterarten gut die Hälfte des gesamtdeutschen Arteninventars beherbergt und damit zu den orchideenreichsten Gebieten Deutschlands gehört. Auf den zweiten Blick erschließen sich dann die Ursachen dafür: orchideenfreundlicher Kalkboden, ausreichende Niederschläge (im Gegensatz zur Südlichen Frankenalb!), sehr abwechslungreiches Relief mit vielen unterschiedlichen ökologischen Nischen und – nicht zuletzt – das Fehlen großflächiger Intensiv-Landwirtschaft.

Aber es gibt immer noch Neues zu finden in der Fränkischen Schweiz. Der Kersbacher Orchideenexperte Adolf Riechelmann traf auf einem Trockenrasen in der nordwestlichen Frankenalb auf vier Orchideen-Pflanzen, die zweifelsfrei als die Kleine Spinnen-Ragwurz (Ophrys araneola) zu identifizieren waren und die auch alle typischen Merkmale dieser Art offenbarten. Somit handelte sich bei diesen Pflanzen um den Erstfund für das Gebiet der Fränkischen Schweiz und gleichzeitig um die 40. Orchideenart in diesem Gebiet. Die nächst gelegnen bekannten Fundorte dieser seltenen Art liegen bei Thüngersheim am Main und bei Bad Kissingen. Die Pflanze kam zu ihren Namen, da die seltsam geformte, samtbraune Blüte mit dem gelben Rand ein wenig an den pelzigen Körper eine Spinne erinnert.

Für diesen Fundort gilt, dass er eine relativ exponierte Lage einnimmt, so dass es fast unverständlich erscheint, dass das Vorkommen der Kleinen Spinnen-Ragwurz bisher nicht bemerkt wurde. Diese Tatsache lässt sich aber möglicherweise mit dem sporadischen Auftreten von Orchideen-Pflanzen am Rande ihres Verbreitungsgebietes erklären. Es bleibt zu hoffen, dass diese Pflanzen der Kleinen Spinnen-Ragwurz die entsprechenden Bedingungen für einen Fortbestand finden.


Ob es sich bei dem Vorkommen in der Fränkischen Schweiz um eine spontane Neubesiedlung handelt und sich daraus eine Ausbreitungstendenz dieser äußerst seltenen Art ableiten lässt, bleibt zumindest fraglich. Mit dem plötzlichen Auftauchen der Kleinen Spinnen-Ragwurz hat sich eine weitere Art zur Vielfalt der Orchideen in der Fränkischen Schweiz gesellt. Dabei fällt auf, dass sich in jüngster Zeit auch andere Wärme liebende Orchideenarten wie die Bocks-Riemenzunge, die Bienen-Ragwurz und die Pyramiden-Spitzorchis an ihnen zusagenden Wuchsorten ansiedeln. Wie ist dieses Phänomen zu erklären?

In vielen Bereichen der Landschaftspflege hat ein Umdenken eingesetzt. Es kommt weniger Mineraldünger zum Einsatz und deshalb werden die Böden für Orchideen wieder brauchbarer. Die für die Keimung des Samens erforderlichen Pilze erhalten so weitaus bessere Lebensbedingungen. Auch gab es in den letzten Jahren Perioden von besonders warmen Sommern und milden Wintern, die die Ausbreitung mediterraner Arten erleichtert haben könnten. Ferner spricht die Verbreitungsbiologie der Orchideen, deren staubfeine Samen vom Wind über große Entfernungen transportiert werden, für eine mögliche Ansiedlung in neuen Biotopen. Ob die Kleine Spinnen-Ragwurz am neuen Standort eine Population auf zu bauen vermag, wird erst die Zukunft zeigen.

Die Ragwurz-Arten sind schwerpunktmäßig in den Mittelmeerländern mit vielen Arten und Unterarten vertreten. In Mitteleuropa finden wir lediglich fünf Vertreter dieser äußerst merkwürdigen Gewächse, die nach dem Ende der letzten Eiszeit aus dem Süden bis in unsere Breiten vorgedrungen sind.
(Adolf Riechelmann)